Viktoriapark "Was ist schon 1 Jahr?"
Oder

Das kleine Orchester Hoffnung

Klar, man könnte auch etwas erfinden. Erzählen, wie eine lange, schwelende Krankheit den einen ans Bett gebunden hätte. Wie der verloren geglaubte Onkel aus Amerika einem anderen die Chance des Lebens geboten hätte, wieder einer dem Ruf des Übernatürlichen, Esoterischen nach Indien gefolgt sei. Man könnte berichten von Dramen, Risiken, Eifersucht, Banden- und Bandkriegen, Liebe und Zerfall, aber nichts von alledem wäre wahr.

Wahr ist, die Band Viktoriapark verschwand nach der letzten Single „Ein guter Sommer“ im Jahr 2001 wie eines dieser knatschigen Teilchen beim Bäcker, die man so mochte und die eines Tages plötzlich nicht mehr da waren. Aus dem Sortiment genommen. Nur der Geschmack kommt noch manchmal Monate später zurück.

Wahr ist, vier Leute gingen einfach ihrer Wege, nach aufreibenden vier Jahren, dem Besuch „In Teufels Küche“ und der Hoffnung auf „Einen (letzten) guten Sommer“ strebten sie auseinander, als würde aus jeder Himmelsrichtung jemand rufen. Man ging, man verlor sich teilweise aus den Augen und schüttelte ab und zu den Kopf.

Und obwohl die Jahre seitdem nicht märchenhaft verliefen, war es doch wie in jedem guten Märchen, nämlich eines schönen Tages... Vielleicht zum unmöglichsten aller Zeitpunkte beschloss man, die alten Wegbegleiter anzurufen, als hätte irgendwer den alten Flipper im Keller ganz unverhofft wieder eingestöpselt. Der Produzent hatte, zu diesem Zeitpunkt auf erstaunlichste Weise, Zeit und Lust und just an jenem Morgen im Radio das Viktoriapark-Lied „Genial“ gehört.

Ein ganzes Briefmarkenalbum voller Lieder wartete inzwischen auf den nächsten staubigen Besuch vom Urheber und wischte sich verwundert die Augen, als sich alle auf einmal im Übungsraum wieder fanden.

Nach und nach kamen bekannte Gesichter zusammen, von denen man zwischenzeitlich nur noch über Ecken und Kanten gehört hatte. Alle jemals bei Viktoriapark beteiligten Gitarristen wurden eingeladen, ein neuer Alleskönner hinzugezogen und schließlich in zunächst überraschend kurzer, später erschreckend langer Zeit die schönsten eigenen Lieder der vergangenen vier Wochen und Jahre aufgenommen.

Bevor Männer und Frauen der Industrie die Zähne der Beteiligten prüfen konnten, nur um dann weiter zu ziehen, reifte im Viktoriapark der Wunsch sein eigenes Einlass-Schild aufzustellen.

Auf einmal kamen auch andere Menschen vorbei, machten Fotos, brachten was von zu Hause mit, boten ihre Hilfe an, und werkelten auf den Tag hin, an dem der Viktoriapark wieder aufmachen sollte.

Wahr ist, dass die Wahrscheinlichkeit, dass genau dies so passieren sollte, geradezu märchenhaft gering war. Und doch hängt heute am Eingang folgendes frisch mit Kleister und einem alten Tapezierpinsel angebrachte Plakat. Heute im Viktoriapark: Kleines Orchester Hoffnung!

Was ist schon 1 Jahr?

Fotos: Billy & Hells